DTM-Kolumne von Timo Scheider: Mein Rat an meinen Kumpel Timo Glock

Liebe Motorsport-Freunde, liebe DTM-Fans,

es gibt so Saisons. Jahre, in denen nichts läuft, nichts passt, nichts funktioniert. Da ist es egal, wie viel man investiert, wie sehr man sich anstrengt – es ist wie verhext, es geht immer nur abwärts, ein Tiefschlag folgt auf den nächsten. Frustrierend.

Timo Glock erlebt genau das im Moment. Ein Jahr zum Vergessen, und das schon zur Halbzeit beim kommenden Rennwochenende in Assen.

Wir gehen als Freunde sehr ehrlich und offen miteinander um, sprechen auch über seine schwierige sportliche Situation. Klar: Es bleiben gewisse Dinge unter uns, wie das bei Freunden so ist.

Aber ich weiß, wie es ist, wenn man so eine Phase erwischt. Wenn man sich ein Bein herausreißt, alles für den Erfolg tut und dann kommen so Schlaumeier von außen wie ich und geben auch noch ihren Senf dazu.

Er hat sehr schnell bewiesen, dass er einer der wenigen früheren Formel-1-Fahrer ist, der sich in der DTM behaupten und vorne mitfahren kann. Leider nur nicht konstant. Es ist enttäuschend, wie sich sein Jahr entwickelt hat. Was mir aufgefallen ist: Bei ihm erkenne ich generell die Tendenz, dass es anfangs gut läuft, dann aber immer mehr nachlässt.

Keine Pauschalantworten
Das hinterlässt Wirkung: Beim ersten schlechten Ergebnis denkt er gleich wieder an die Vergangenheit und hofft, dass es sich nicht wiederholt. Alleine der Gedanke, diese Angst vor diesem negativen Fahrwasser kann einen großen Effekt haben, dass das Glück nicht mehr auf deiner Seite ist. Dass dann auch noch Pech hinzukommt. Aus der Spirale kommt man dann nicht mehr heraus. Sucht nach Erklärungen. Doch es gibt einfach keine Pauschalantworten auf das „Warum?“.

Es kommen außerdem noch die äußeren Einflüsse hinzu: Kritiken, Kommentare oder Meinungen wie diese Kolumne. Wenn Timo sie liest, werden ihm Äußerungen gefallen, über andere fängt er vielleicht an, nachzudenken. So etwas kann beeinflussen, und man muss versuchen, dies nicht an sich heranzulassen.

In der Karriere eines Rennfahrers gibt es in der Regel nun mal mehr Niederlagen als Siege. Man muss sich deshalb eine mentale Stärke aufbauen, von der man in den Niederlagen zehrt. Ich glaube daran, dass man mit positiven Gedanken Dinge verändern kann. Positivität kann helfen, mit schwierigen Situationen und Rückschlägen umzugehen, um aus dem Loch zu kommen.

Gravierendes ändern?
Das dürfte der richtige Weg für Timo sein, damit umzugehen. Vielleicht gibt es aber irgendwann auch den Punkt, an dem er etwas Gravierendes ändert: Das Team oder sogar die Rennserie wechseln, eine neue Motivation finden. Mein Rat an ihn: Stell dir die Frage, ob Du noch Spaß daran hast, was Du tust. Vielleicht liegt in der Antwort eine Lösung für eines der Probleme oder auch eine Antwort darauf, was für die Zukunft richtig ist.

Das Gegenteil von Timo erlebt im Moment Rene Rast, bei dem einfach alles funktioniert. Es ist auch bei ihm teilweise nicht zu erklären. Es sieht aus, als ob es ihm einfach so von der Hand geht.

Rast im „Hamilton-Stil“
Er macht einen blöden Spruch, steigt ins Auto und fährt alle in Grund und Boden: Ein bisschen im „Hamilton-Stil“. Er hat in den entscheidenden Situationen immer das Glück auf seiner Seite oder trifft die richtige Entscheidung. Er überrascht die DTM, die Gegner und die Teamkollegen immer wieder aufs Neue. Das muss ihm erst mal einer nachmachen.

Klar ist: Mit dem Erfolg kommt eine gewisse Lockerheit. Dinge, über die du dir jahrelang einen Kopf gemacht hast, funktionieren plötzlich. Zweifel? Sind ganz weit weg.

Das Interessante: Ich habe ihn bei DTM-Sichtungslehrgängen vor seinem Einstieg 2017 beobachten können, und da war er im Vergleich zu den meisten anderen Fahrern immer deutlich zu langsam. Es war enttäuschend: Er hatte das Auftreten, dass er der Beste sei, hat es aber nie hinbekommen. Aber zu sehen, wie er sich jetzt entwickelt hat, spricht dafür, dass er ein harter Arbeiter ist, analysiert, was falsch läuft und das Talent hat, aus seinen Fehlern zu lernen.

Sein Pfund für den Titelkampf: Er schafft es, nah an die 100 Prozent zu kommen und dieses perfekte Gefühl immer wieder abzurufen. Und selbst wenn es mal nicht so für ihn läuft, kann er sich aus der Situation wieder herausarbeiten. Deshalb ist er auch für Assen der klare Favorit. Und auch für den Rest der Saison.

In diesem Sinne: Viel Spaß in Assen oder bei ran racing in SAT.1.

Euer Timo Scheider

Quelle: ran.de